„... das alles“
Sicher und komfortabel erschien das Leben für die Generationen der Jahrtausendwende. Aber nun? - Klimawandel, künstliche Intelligenz, Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten, der Verlust der internationalen regelbasierten Weltordnung, der Vormarsch der Autokraten in Ost und West, Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur, Fakenews in den sozialen Medien, eine alternde Gesellschaft, der Umbau des Rentensystems, der Sanierungsbedarf im Sozialsystem, der viel beschworene Bürokratieabbau, die Enttäuschung über die mangelnde politischen Durchsetzungsfähigkeit auf allen Ebenen, die Resignation der Wählerinnen und Wähler, der Rechtspopulismus: Was kommt da auf uns zu?
Selbstverständlichkeiten zerrinnen im Handumdrehen. Uns wird zugemutet, unseren eigenen Weg zu finden. Aber wie? Überforderungen äußern sich in Erschöpfung, Misstrauen, Verbitterung, Aggression, Abgrenzung, im Scheitern sachlicher Auseinandersetzung. Das gesellschaftliche Miteinander und die demokratischen Strukturen verlieren ihre Basis. Wie halten wir das alles aus?
Veränderung des Lebensgefühls
Es geht dabei ja nicht nur um äußere Ereignisse. Mit ihnen ändert sich unser Lebensgefühl. Da sind die zunehmenden psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen. Da ist die Handysucht und damit verbunden die ständige Priorisierung von Abwesenden gegenüber Anwesenden; dann die Zunahme der Einsamkeit, der globaler Verlust religiöser Bindung, der offenkundig nicht durch säkulare Ethik kompensiert werden kann.
Es ist kaum zu leugnen, wir - Deutschland, der Westen, in vielerlei Hinsicht die Menschheit insgesamt - sie sind in einer Krise, ökologisch, mental, spirituell, ökonomisch, politisch. So ist es nun einmal. Aber eines darf man bei alldem nicht vergessen: Das ist alles, menschengemacht. Also im Prinzip menschenänderbar.
Wer fragt hier eigentlich?
Es liegt ja auf der Hand: Wer sich erst seit Kurzem fragt, wie das alles noch auszuhalten ist, der hatte davor anscheinend noch nicht so sehr viel auszuhalten, war weder bitterarm noch von Naturkatastrophen oder politischen Unruhen und Unterdrückung geplagt, geschweige denn von Krieg betroffen. Es handelt sich also um eine Frage von eher privilegierten, westlichen Menschen. Das macht die Sache keineswegs illegitim, es rückt sie nur ins Verhältnis. Es geht uns jetzt anders als früher, aber immer noch relativ gut.
Erster Versuch: Leben jetzt!
Die erste schnelle Antwort auf die Frage, wie man trotz der vielen schlechten Nachrichten noch glücklich sein kann, ließe sich auch so beantworten: Gerade deswegen! Gerade weil wir nicht mehr so genau wissen, was morgen wird, sind wir nahezu verpflichtet, im Moment zu leben.
Jetzt erst recht! Was unter den gegebenen Umständen bedeutet, von der Zukunft oder von dem, was von ihr übrig bleibt, schon hier und jetzt immer mehr zu verfeuern. Die Gegenwart genießen, die Welt bereisen, CO2 ausstoßen, Ressourcen verschwenden, Zukunft vergeuden – hält man es so besser aus? Wenigstens jetzt?
Resignation - Ausweg in die Sackgasse
Als weiterer komfortabler Ausweg macht sich zunehmend Resignation breit, z.B. mit Blick auf die AfD. Viele glauben nun, dass die „sowieso“ bald an die Macht kommt. Der erste Impuls ist natürlich, diese Menschen zu trösten: „Wird schon!“. Doch sollte man sich zuvor die Benefits der Resignation ansehen. Denn die Niederlage vorwegzunehmen, bedeutet ja auch, unter der Aufgabe hindurchzutauchen und der Frage auszuweichen: Was kann ich tun, um es zu verhindern?
Resignation ist bequem. Resignation verleugnet die eigene Verantwortung und verhindert Veränderungen, z.B. mit Blick auf die ökologische Krise. Denn wenn es eh zu spät ist, dann kann ich noch mal alles mitnehmen, was geht. Wer sich Resignation leistet, bucht Flugtickets und bestellt weiter Verbrennerautos. Es ist natürlich eine Sackgasse: Die Welt ist nach der Resignation halt immer noch da und man selbst wahrscheinlich auch.
Die böse Politik
Eine volkstümliche Form, mit den Krisen umzugehen, besteht darin, sie von sich zu weisen. Man könnte es das Spiel zwischen der mächtigen bösen Politik und dem armen unschuldigen Volk nennen. Dabei wird den jeweiligen Regierungen die Alleinverantwortung für das Lösen von Problemen aufgeladen, die vom Volk massiv mitverursacht werden, bei deren Lösung ebendieses Volk aber keinesfalls behelligt werden darf. Und wenn die Regierung dann nicht liefert, darf das Volk sauer sein und die AfD wählen. Deswegen werden amtierende Regierungen, nicht nur in Deutschland, so schnell abgewählt: Die nächste bitte!
Man sollte sich das in diesen Zeiten gefühlter Ohnmacht vielleicht doch nicht so leicht machen und noch einmal vor Augen führen: Es ist ja noch alles da in diesem Land. Wir könnten binnen weniger Wochen eine nachhaltige Rentenreform haben, wenn wir denn wollten. Wir könnten binnen eines Jahres die CO₂-Emissionen um ein Drittel senken, wenn denn die Politiker die Rahmenbedingungen und wir selbst unser Leben ändern würden, jeder weiß ja genau, wie das ginge. Wir könnten etwas gegen aussterbende Innenstädte tun, wenn wir weniger Pakete bei Amazon bestellen würden. Nein, die Verantwortung einfach abzuschieben auf „die da oben“ ist auch nicht fair.
Wechsel der Fragestellung
Bei allem, was gedacht, gemacht und entschieden wird, sind wir gewohnt zu fragen: Was bringt mir das? Was ist drin für mich? Also für sich selbst zu sorgen und sein Leben daran zu orientieren, sich möglichst gut zu fühlen.
Und wir sind gewohnt zu fragen: Was kann ich bewegen und bewirken? Also die Selbstwirksamkeit und den persönlichen Erfolg in den Fokus zu stellen.
Beide Fragen waren okay, solange die Welt noch „in Ordnung“ war, wir eingebettet waren in das Gute, in Freiheit, Marktwirtschaft, Rechtsstaat. Und solange gerade privilegierte Menschen es gewohnt waren, viel zu bewirken. Aber der Anspruch, nur dann etwas zu tun, wenn man ganz bestimmt gut davon hat und auch etwas bewegt, wird angesichts der enormen Herausforderungen allmählich zur Falle – zur Falle abnehmender Macht und abnehmenden Wohlbefindens. Was ist, wenn wir uns trotz aller Bemühungen nicht mehr „gut fühlen“ und „viel bewirken“ können? Und wenn wir weder Zweckoptimismus noch Zweckpessimismus als unseren Ausweg wählen wollen?
Dann könnte eine andere Frage dran sein: Wer will ich sein? Das bedeutet, sich auf sich selbst und seine Werte zu besinnen. Damit wir wieder lernen, etwas bewirken zu wollen, ohne uns davon abhängig zu machen, was und wie viel wir tatsächlich bewirken. Und das heißt auch, die eigene Würde zu wahren.
Ganz einfach ist dieser Wechsel jedoch nicht zu vollziehen, weil in ihm eine Gefahr lauert: Wenn meine Werte und mein Wirken(-Können) auseinanderfallen und ich zunehmend unter dem Widerspruch zwischen dem, was mir wichtig ist und dem, was ich erlebe, leide, besteht die Gefahr, dass ich meine Werte über Bord werfe und an die gegebenen Umstände anpasse. Das kann in unterschiedlicher Intensität geschehen: von schleichend-unterschwellig („eigentlich bin ich für die Würde aller Menschen, aber wenn nun mal nicht anders geht, sag ich auch nichts gegen Abschiebungen“) bis hin zum offenen Zynismus („Ausländer raus!“).
Diese Bewegung vom Verlust gelebter Werte hin zu puren Machbarkeitsfantasien erleben wir zurzeit überall. Es ist der Kern des rechtspopulistischen Angebots. Trump macht es vor, und andere infizieren sich damit. Die zynische Praxis nährt den zynischen Diskurs. Menschenrechte werden missachtet, das Völkerrecht übergangen, die Wahrheit spielt keine Rolle, Menschenverachtung wird zum Programm. Darum ist die Frage umso dringender:
Wer will ich sein?
Die Frage ist politisch, sozial und spirituell. Politisch, weil sie nach meinen Werten fragt. Sozial, weil sie nach meiner Rolle fragt, die ich in meinem sozialen Umfeld einnehmen will. Und spirituell, weil sie nach den Ressourcen meines Selbst-Bewusstseins fragt.
Ja, die Weltlage ist kompliziert und bedrückend. Aber um sich von ihr nicht erdrücken zu lassen, ist die Frage nach den Quellen und Ressourcen, aus denen wir schöpfen, so wichtig: Worauf richtest du deinen Sinn? Wie viel Aufmerksamkeit widmest du dem Üblen? Manche Geschehnisse unserer Lebenswelt und unserer Nachrichtenwelt wollen uns in einem unentwegt betroffenen Modus oder besorgten Alarmzustand halten. Sie wollen uns glauben machen, wir seien sonst ignorant oder uninformiert. Wer redet dir ein, die ganze Not der Welt habe ein Recht, bei dir zu Hause zu sein? Wer befiehlt dir, jedes Problem zu lösen? Um den Kräften der Entmutigung zu widerstehen, hört und sieht unsere Seele zu wenig vom positiv Erstaunlichen und Guten, das täglich ebenso geschieht.
Um meinen Kräften des Widerstandes gegen das Entmutigende Mut zu machen, brauche ich eine Aufmerksamkeit für das, was mir guttut – und dem anderen auch! Stark ist ein gestärkter Mensch; ich muss nicht stark sein, aber mich stärken lassen. Wer innehält, findet innen Halt. Ist mir bewusst, was mich stärkt? Kunst, Kultur, Natur, Literatur, Menschen, Begegnungen? Wo ich Vertrauen, Liebe, Gemeinschaft, Respekt, Anerkennung, Verantwortung, Hoffnung erfahre? Wo ich Werte erlebe, die mir wichtig sind. Wo sie auf Resonanz stoßen und wir etwas gemeinsam bewegen? Die Energie, die wir aus unseren Quellen schöpfen, lässt uns nicht nur „das alles“ aushalten, sondern ermöglicht uns auch, unsere Herzen und Sinne zu bewahren und dem allen etwas entgegenzusetzen.
Der Gedanke, sich gerade in schwierigen Zeiten den guten Quellen zuzuwenden, ist übrigens nicht neu und findet sich schon in der Bibel: »Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne. Was wahr ist, was achtenswert ist, was gerecht ist, was rein ist, was liebenswert ist, was immer etwas taugt und Lob des Höchsten verdient, dem setzt euch aus... Und der Gott des Friedens wird mit euch sein« (Philipperbrief 4,7-9).